Sommer 2018

Mehr Wasser für Brandenburgs Äcker

Auch dieses Jahr stellt die extreme Trockenheit Brandenburgs Landwirte vor große Probleme. Künstliche Bewässerung kann hier Abhilfe schaffen, liegen die Vorteile doch auf der Hand. Aber was sind eventuelle Risiken durch die zunehmende Nutzung der Grundwasservorräte? Und gibt es mögliche Alternativen?

 

 

Obwohl sich der Sommer schon fast dem Ende zuneigt, laufen auf den Äckern in Brandenburgs Norden entlang der A24 noch immer die Beregnungsanlagen. Ein großer Teil der Getreideernte wurde bereits eingefahren, jetzt brauchen vor allem Kartoffeln und Gemüse noch Wasser. Auch Hans-Heinrich Grünhagen bewässert noch einen Teil seiner Flächen. Der gebürtige Niedersachse bewirtschaftet einen 1700 ha großen Betrieb in der Nähe von Wittstock/Dosse. Die Dimensionen hier sind immens. Seit 1998 bewässert er knapp 500 Hektar Ackerland mit Hilfe von 12 Kreisberegnungsanlagen. Die größte misst dabei einen Radius von 500 Metern. Die dadurch entstehenden zusätzlichen Kosten für Energie, Wasser und Arbeitskräfte sind zwar hoch, aber nicht nur im letzten Sommer war Grünhagen froh über seine Beregnungsanlagen. „Ohne Bewässerung wäre das letzte Jahr eine riesige Katastrophe geworden. So haben wir zumindest die Kartoffeln und auch einen Teil vom Mais erhalten können.“

Landwirt Grünhagen ©LJost

In Deutschland werden lediglich 3% der landwirtschaftlich genutzten Fläche beregnet. In Brandenburg waren es bei der letzten offiziellen Erhebung in 2016 sogar nur 2%. Und das, obwohl der Getreideanbau ohne Bewässerung in einigen Regionen Brandenburgs bereits zu einem Verlustgeschäft geworden ist. Die extrem sandigen Böden sind kaum in der Lage die fallenden Niederschläge lange zu speichern. Die zunehmenden Temperaturen und die ausbleibenden – im Deutschlandvergleich ohnehin schon geringen – Niederschläge haben die Situation in den letzten Jahren noch verschärft. Hinzu kommt, dass für die Ackerpflanzen nicht nur die Mengen an Regen entscheidend sind, sondern auch der Zeitpunkt. Die hierzulande oftmals ausgeprägte Frühsommertrockenheit kann verheerende Folgen für die gesamte Ernte nach sich ziehen.

Der Bedarf an zusätzlichem Wasser auf Brandenburgs Äckern ist demnach groß und die bewässerte Fläche ist in den letzten Jahren leicht angestiegen. 2015 belief sie sich laut offizieller Erhebung auf knapp 25.000 Hektar. Drei Jahre zuvor waren es nur etwas über 20.000 Hektar. Aktuelle Zahlen liegen noch nicht vor, es ist aber zu erwarten, dass die bewässerte Fläche in Brandenburg weiterhin zugenommen hat. Vor allem bei Kartoffeln, Mais und Getreide lohnt sich eine Bewässerung. Bis die ersten Tropfen fließen können, ist es jedoch oft ein langer und mitunter teurer Weg, weiß Peter Claas. Der Leiter des in Oberhavel ansässigen Ingenieurbüros ClaasRain unterstützt Landwirte von der Antragstellung bei der Wasserbehörde bis zum fertigen Bewässerungsprojekt. Um eine Genehmigung zur Entnahme von Grundwasser zu bekommen, sind aufwändige hydrogeologische Gutachten nötig. Die Kosten dafür können schnell auf eine fünfstellige Summe ansteigen, so Claas. Die Mengen die zu Bewässerungszwecken entnommen werden, können erheblich sein und durch die Gutachten soll sichergestellt werden, dass keine angrenzenden Schutzgüter, wie Gebäude oder Biotope, durch die Entnahmen beeinflusst werden. Ist das Kontingent an Entnahmeerlaubnissen ausgeschöpft, werden alle weiteren Anträge von der Wasserbehörde abgelehnt. Es gilt das Prinzip, wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Entgegen vieler Annahmen, konnte in Brandenburg bisher kein eindeutiger Trend von fallenden Grundwasserspiegeln beobachtet werden. Das streng regulierte und aufwändige Genehmigungsverfahren könnte mit ein Grund dafür sein.

Grünhagens Betrieb hat die Erlaubnis aus 8 Brunnen insgesamt 600.000 m³ pro Jahr zu entnehmen. Das sind 600 Millionen Liter und somit keine Kleinigkeit. „Im letzten Jahr sind wir an die Grenze gekommen.“, erzählt der Landwirt. „Normalerweise passiert das aber nicht. In diesem Jahr haben wir den Getreideanbau etwas zurück genommen, so dass wir auch diesmal unser Wasserkontingent nicht ganz ausschöpfen mussten.“ Und auch Grünhagen kann bestätigen, dass die Grundwasserpegel in seinem Betrieb über die Jahre im Schnitt konstant bleiben. Bisher zumindest. Die Grundwasserneubildung ist ein langsamer Prozess. Erst Anfang diesen Jahres haben die hohen Niederschlagsmengen aus 2017 das Grundwasser erreicht. Ob und wie sich der ausbleibende Regen aus diesem und dem letztem Jahr auf die Grundwasserstände auswirken wird, bleibt erst einmal abzuwarten. Im Zweifelsfall behält sich die Obere Wasserbehörde vor, kurzfristig ein Entnahmestopp zu verhängen. Ein Recht, von dem sie bisher noch kein Gebrauch machen musste. Anders ist es bei bei der Entnahme aus Oberflächengewässern wie Seen oder Flüssen. Dort wurden gebietsweise sämtliche Entnahmen verboten. Das für die landwirtschaftliche Bewässerung eingesetzte Wasser stammt jedoch zu 90% aus Grundwasser. Die zu DDR-Zeiten noch gängige Entnahme aus Oberflächengewässern zum Zwecke der landwirtschaftlichen Bewässerung ist heutzutage so gut wie nicht mehr erlaubt.

Bisher obliegt es allein dem Wissen und Gewissen des jeweiligen Landwirtes die genehmigten Mengen an Wasser verantwortungsvoll einzusetzen. Der nachweislich ressourcenschonende Umgang der Landwirtschaft mit dem Gemeingut Grundwasser scheint jedoch zunehmend ins öffentliche Gewahrsein zu rücken. Für den möglichst sparsamen und zielgenauen Einsatz von Zusatzwasser liefert die Wissenschaft derzeit zwei Methoden. Um Zeitpunkt und Menge des Beregnungswassers optimal einzusetzen, können Landwirte sogenannte Bewässerungssteuerungssyteme nutzen. Solch eine Software berechnet mit Hilfe von Klima-, Boden- und Witterungsdaten den tagesaktuellen Wasserbedarf der angebauten Kultur und könnte somit ein wichtiges Instrument in der Bewässerungslandwirtschaft darstellen. Ließe sich doch damit nicht nur Wasser, sondern auch viel Geld einsparen. Obwohl solche Systeme deutschlandweit u.a. kostenlos zur Verfügung stehen, lässt eine flächendeckende Nutzung durch die Landwirte noch auf sich warten. Der geringen Nachfrage stehen sowohl die Anbieter der Steuerungssysteme als auch die beteiligten Wissenschaftler fragend gegenüber. Diskutiert wird derweil indes, ob die Nutzung eines solchen Systems künftig von der Wasserbehörde als Bedingung an eine Grundwasserentnahme geknüpft werden kann.

Eine weitere Methode zum optimalen Einsatz von Zusatzwasser wird derzeit vom Fachverband Bewässerungslandbau Mitteldeutschland gemeinsam mit dem Forschungsinstitut für Bergbaufolgelandschaften untersucht. In dem von der EU geförderten Projekt „Precision Irrigation“ geht es darum, eine teilflächenspezifische Bewässerungsmethode zu erproben. Dies geschieht, indem anhand von zuvor erhobenen Bodenparametern und mit Hilfe von jeweils aktuellen Fernerkundungsdaten die Bewässerungsanlagen künftig automatisch präzise beregnen. Das bedeutet, die Bereiche auf einem Acker die sehr trocken sind, bekommen automatisch mehr Wasser, dort wo es feucht genug ist, wird wenig bis gar nicht beregnet. Wann und ob die Präzisionsbewässerung wirklich praxistauglich sein wird, ist noch ungewiss. Steht doch vor allem die Frage im Vordergrund, ob der Nutzen am Ende wirklich höher ist, als die dafür anfallenden Kosten und der hohe zu betreibende Aufwand.

Aber trotz aller Notwendigkeit von mehr zusätzlichem Wasser, unterliegen die Mengen die entnommen werden dürfen einer natürlichen sowie behördlichen Grenze. Da stellt sich die Frage nach möglichen Alternativen. So fordern zum Beispiel die Brandenburger Grünen „Wassersparende Anbauverfahren“ in der Landwirtschaft. Was damit gemeint sein könnte weiß Grünhagen. Wassersparende Bodenbearbeitung hat bei ihm oberste Priorität. Zu diesem Zweck verzichtet er in seinem Betrieb seit 25 Jahren auf den Pflug. Um die Winterfeuchte im Boden maximal zu nutzen, hat er die Frühjahrsbodenbearbeitung, die normalerweise im März oder April durchgeführt wird, in den Januar vorverlegt. Somit hat der Boden die Möglichkeit wieder etwas Wasser zu speichern. Klassischer Weise werden die Äcker im Frühjahr gepflügt. Bis zu einer Tiefe von etwa 20 cm wird der Boden dabei um 180° gewendet. Welche Folgen dies für den Wasserhaushalt hat, erklärt der erfahrene Landwirt. „Wenn ich im April mit dem Pflug über meinen Acker fahre, dann habe ich 50 Millimeter pro Quadratmeter schnell verdunstet. Und bis ich die 50 Liter aufgefüllt habe, da ist die Ernte schon ran. Bei jedem Bearbeitungsschritt muss man sich also fragen, was das mit dem Bodenwasser macht.“

 

Sollten sich Dürrejahre wie 2018 und 2019 in Zukunft wiederholen, und davon ist laut Experten auszugehen, werden Brandenburgs Landwirte weitere nicht beregnete Flächen still legen müssen, da eine Bewirtschaftung schlicht unrentabel wird. Der klassischen Ökonomie zu Folge müssten die Preise bei sich verknappendem Angebot steigen. Auf Ernteverluste wie es sie im letzten Jahr in Mitteleuropa gab, reagierte der internationale Getreidemarkt jedoch so gut wie gar nicht. Einzig für Speisekartoffeln gelten noch die klassischen Marktregeln. Da Kartoffeln weder lange eingelagert, noch weit transportiert werden, steigen bzw. fallen die Preise entsprechend dem Angebot. Ein Phänomen, dass den Landwirten zu Gute kommt. Dass sich die Verbraucherpreise für in Deutschland produzierte Produkte auch an den hiesigen Produktionsbedingungen orientieren sollen, wird schon lange gefordert. Benötigen Landwirte doch die Sicherheit, dass sich die notwendigen Investitionen, die sie tätigen müssen um zukunftsfähig zu bleiben, am Ende auch bezahlt machen. Dürrehilfen in Millionenhöhe wären dann überflüssig. 

 

Am Nachmittag beginnt es in Strömen zu regnen. Dennoch laufen die Bewässerungsanlagen auf
den Feldern an der A24 unermüdlich weiter. Bis sich die Bodenfeuchte hier wieder auf ein
brauchbares Maß angefüllt hat, werden noch viele Liter Wasser benötigt.