Januar 2021

Moorschutz im Schulterschluss - wie kann das klappen?

Im November letzten Jahres hat die Bundesregierung ihre Moorschutzstrategie zur öffentlichen Diskussion gestellt. Der Diskussionsbedarf war so groß, dass die eigentliche Frist zum Einreichen einer Stellungnahme um 4 Wochen, bis zum 15. Januar verlängert wurde. Moorschutz und -nutzung seien nur gemeinsam mit allen Beteiligten möglich, so die Strategie. Von einer Debatte auf Augenhöhe spüren die betroffenen Landwirte jedoch wenig. Im Gegenteil.  

„Man sagt uns durch die Blume, dass wir hier komplett unerwünscht sind“, sagt der 27-jährige Landwirt Sven Kück. Zusammen mit seinem Vater bewirtschaftet er 100 Hektar Acker- und Grünland im niedersächsischen Teufelsmoor. An einigen Stellen reicht die Torfschicht sogar bis zu neun Meter in die Tiefe. Vor fünf Jahren haben sie einen neuen Stall für ihre 120 Milchkühe gebaut, davon ausgehend, dass sie ihre Flächen wie bisher zur Futtergewinnung nutzen können.   

Landwirt Kück vor dem neuen Kuhstall

 

Moorflächen, wie die der Kücks, stehen jedoch schon lange im Fokus von Forschung und Politik. Wiedervernässte Moorböden können ein effizientes Instrument auf dem Weg zu mehr Klima- und Artenschutz sein. Über 90% der deutschen Moorböden sind heute entwässert und dienen überwiegend der landwirtschaftlichen Produktion. Die Mengen an CO2, Methan und Lachgas, die sie auf Grund der Entwässerung jedes Jahr freisetzen, machen über 5% der deutschen Treibhausgasemissionen aus. Werden Moore wiedervernässt, stoßen sie zunächst erhöhte Mengen an Treibhausgasen aus. Langsam, aber langfristig, kehrt sich dieser Prozess jedoch um, da die Böden dann wieder CO2 aus der Atmosphäre entziehen und im Torfboden einlagern. Ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur deutschen Klimaneutralität.   

In ihrer Moorschutzstrategie fordert die Bundesregierung deshalb eine veränderte landwirtschaftliche Bewirtschaftung. Mit einem möglichst hohen Wasserstand, somit torferhaltend und in freiwilliger Kooperation mit den betroffenen landwirtschaftlichen Betrieben. Viele Landwirte fürchten jedoch eine gesetzliche Verpflichtung zur Wiedervernässung. Für Grünland oder Ackerbau wären diese Flächen dann nicht mehr zu gebrauchen. In seiner eingereichten Stellungnahme befürchtet das Landvolk Mittelweser sogar eine schleichende Enteignung und sieht die Existenzgrundlage vieler Betriebe in Gefahr.   

Landwirt Sven Kück und sein Vater wissen um ihre Verantwortung in puncto Klimaschutz und scheuen sich nicht, dieser gerecht zu werden. Um herauszufinden, welchen Beitrag sie mit ihren Betriebsflächen leisten können, nehmen sie an dem seit 2016 bestehenden „Modellprojekt zur Umsetzung einer klimaschutzorientierten Landwirtschaft im Gnarrenburger Moor“ teil. Auf den jeweiligen Flächen werden Methoden entwickelt und untersucht, die sowohl den Torfboden schützen als auch eine funktionierende Grünlandbewirtschaftung möglich machen. Finanziert wird das Projekt zu gleichen Teilen von der EU und dem niedersächsischen Umweltministerium, wissenschaftlich begleitet wird es vom Thünen Institut für Agrarklimaschutz.  

Eine weitere Möglichkeit wiedervernässte Moore zu nutzen ist z.B. der Anbau von Rohrkolben. Zu Dämmstoffen verarbeitet, erfreut sich dieser immer größer werdender Beliebtheit. Die Rohstoffnachfrage ist jedoch größer als das Angebot und Baustoffhersteller importieren zum Teil Rohrkolben aus Osteuropa. Die Anbauflächen in Deutschland reichen bisher nicht aus, um den Bedarf zu decken.

Dies könnte ein weiterer möglicher Kompromiss für Moorstandorte sein. Wiedervernässt, aber dennoch zu bewirtschaften. „Alternativen Nutzungen stehen wir grundsätzlich offen gegenüber. Wenn diese technisch möglich sind und sich finanziell rechnen, sind wir die Letzten, die da nicht mitmachen“, so Kück. Finanziell rechnen sollte sich die Bewirtschaftung in jedem Fall. Nicht zuletzt, da die Finanzierung für den Kuhstall auf die kommenden zwei Jahrzehnte ausgelegt ist.

Ob es einen Kompromiss geben wird, der sowohl den Bedürfnissen der jetzigen Flächennutzer als auch den steigenden Anforderungen an einen Klima- und Naturschutz gerecht werden kann, bleibt abzuwarten. Mit Landwirten wie den Kücks, die aktiv zu einer konstruktiven Lösungsfindung beitragen, stehen die Chancen jedoch nicht schlecht. Jetzt liegt es an der Politik, finanzielle Förderungen entsprechend auszugestalten.

Am Ende bleibt jedoch noch ein Problem. Wenn Kück seine Flächen wiedervernässt und sie somit weder als Acker noch als Grünland nutzen kann, stellt sich die Frage, wo er das Futter für seine 120 Kühe herbekommt.

Entwässerungsgraben Nähe Gnarrenburg