Essay Wettbewerb der Deutschen Gesellschaft

„Ist zusammengewachsen, was zusammen gehört?“, war die Frage, die die Deutsche Gesellschaft zu 25 Jahren Deutsche Einheit im Jahr 2015 an alle Studierenden im vereinigten Deutschland gestellt hat. Wie ich diese Frage damals beantwortet habe, lässt sich hier nachlesen.

©LJost

Ein arroganter Arbeitsloser und seine deutsch-deutsche Familie

Ein Streifzug durch vier Generationen

„Was kommt dabei raus, wenn man einen Ossi und einen Wessi kreuzt?
– Ein arroganter Arbeitsloser.“
(ein Nachwendewitz)

Wir haben unseren eigenen arroganten Arbeitslosen: Er wird im Oktober ein Jahr alt. Zusammengewachsen aus einer westdeutschen Eizelle und einem ostdeutschen Spermium, gehört er zur Generation „Wossi“.

An seinem errechneten Geburtstermin, dem Tag der Deutschen Einheit, erblickte er dann aber doch nicht das Licht des vereinten Deutschlands. Damit wollte er sich noch ein paar Tage Zeit und unsere Ungeduld wachsen lassen. So wie uns ging es bestimmt vielen Deutschen – in den Monaten und Tagen vor dem Mauerfall. Man hatte das Gefühl, dass sich etwas anbahnte: dass etwas kommen wollte, was langsam, von innen heraus gewachsen war – und von dem niemand im Vorfeld sagen konnte, wie es aussehen und sein würde, mit dem Neuen zu leben. Man hoffte, es möge alle glücklich machen, und hatte vielleicht auch Angst, es könne überfordern. Und dann auf einmal war es da! Nach der anfänglichen Euphorie und dem gegenseitigen Sich-Beschnuppern ging es darum, sich im gemeinsamen Alltag miteinander zu arrangieren.

Ob wir unserem Sohn jemals begreiflich machen können, dass seine Eltern aus zwei verschiedenen Staaten kommen? Wir gehören zu der Generation, die kurz vor dem Mauerfall geboren, aber danach aufgewachsen und sozialisiert worden ist. Wir haben kaum eigene Erfahrungen mit der DDR bzw. der damaligen BRD machen können. Alles, was wir, die „Post-Wendegeneration“, über die Zeit vor 1989 wissen, kommt aus zweiter Hand. Und nun wächst schon die nächste Generation heran: die „Post-Post-Wendegeneration“.

Für unseren Sohn werden die Erzählungen über die Wiedervereinigung vielleicht so sein, wie für mich die Erzählungen meiner Großeltern über den Zweiten Weltkrieg: etwas, das so lange her ist, dass ich mir als Kind sicher war, es habe rein gar nichts mit meinem Leben zu tun, bis ich dann irgendwann merkte, wie tief die deutsche Geschichte doch noch in den Knochen meiner Eltern und somit auch irgendwie in meinen Leben steckt. Vielleicht wird dies mein Sohn eines Tages ähnlich empfinden. Vielleicht aber auch nicht. – Wie viel Bedeutung hat die deutsche Teilung für seine Vorfahren, für meine west- und meine neue ostdeutsche Familie? Welche Erinnerungen an den Beginn der Landesteilung existieren noch? Wie wurde das Ende der Teilung wahrgenommen? Und welche Rolle spielt die deutschdeutsche Geschichte im Leben unserer Familien heute?

Ich beginne die Beantwortung dieser Fragen mit einem Besuch in Westdeutschland und kehre zu meiner Oma zurück. Für die Generation meiner Großeltern waren Entstehung, Existenz und Zusammenbruch der DDR von geringer Bedeutung. In den Nachkriegsjahren, aber auch im weiteren Lebensverlauf litt diese Generation an den Erinnerungen und den körperlichen wie seelischen Verletzungen, die die Jahre des Zweiten Weltkrieges – Ostfront, Heimatvertreibung und Kriegsgefangenschaft – hinterlassen haben, und leidet teils noch heute. Beschäftigt mit dem Wiederaufbau und einem Alltagsleben mit traumatisierten Familienmitgliedern konnte dem Entstehen einer in Zement gegossenen Landesteilung wenig Aufmerksamkeit gewidmet werden. Frage ich meine Oma, Jahrgang 1928, was die deutsche Teilung für sie bedeutete, ist die Freude darüber, keine engen Verwandten auf der anderen Seite der Mauer gehabt zu haben, das vorrangige Gefühl. Demnach war auch die Wiedervereinigung für meine Großeltern kein emotionales, sondern ein rein politisches Ereignis, dem wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

Die Auskunft meiner Mutter, Jahrgang 1960, zur deutschen Wiedervereinigung, ist genauso spärlich, hat sich doch die Lebensrealität der meisten Westdeutschen durch den Mauerfall nicht oder unerheblich verändert. War man an Politik wenig interessiert, fiel einem nach der Wiedervereinigung lediglich auf, dass manchmal jemand im Supermarkt sächsisch sprach – und „der wurde dann komisch angeschaut“. Dies sollte jedoch der längste Schatten gewesen sein, den das  Ende der deutschen Teilung auf die niedersächsische Provinz geworfen hatte.

Eine für mich spannende Position ist die meines Vaters. Als ein, nach eigener Aussage, bekennender 68er-Marxist und Freund der Arbeiter- und Bauernklasse hatte er sich ein eigenes Bild von den Genossen hinter dem Eisernen Vorhang gemacht. Nach dem Mauerfall konnte das Bild von der sozialistischen Gesellschaft einer Prüfung unterzogen werden – das Bild, das sich offenbarte, hielt dem Ideal, das ein Marxist anstrebte, nicht stand: Mein Vater musste feststellen, dass die Verwandtschaft zwischen den westdeutschen – eher theoretischen – Sozialisten und den Schwestern und Brüdern, die aus dem real gelebten Sozialismus kamen, doch nicht so eng war, wie lange Zeit angenommen. Meines Vaters Sympathie für die Bürger des Arbeiter-und-Bauern-Staates äußerte sich von da an in etwas leiseren Tönen. Und denke ich nun an meine eigenen Erinnerungen an die Zeit der Wiedervereinigung, so sind diese schnell erzählt, beschränken sie sich doch lediglich auf die Änderung meiner damaligen Postleitzahl: Sie wurde fünfstellig.

Die Fragen nach den Gefühlen und Gedanken zur deutschen Teilung und Vereinigung stelle ich auch in Ostdeutschland, genauer: in Nordsachsen. Hier hat die Wiedervereinigung eine viel größere Alltagspräsenz. Dies merke ich vor allem an den einmaligen Geschichtskenntnissen meiner Ossi-Verwandten, die gewiss dem hochgelobten sächsischen Abitur zuzuschreiben sind, mit Sicherheit aber rühren sie auch daher, dass die Wiedervereinigung das Leben aller unwiederbringlich verändert hat: So wie nach dem Krieg die Bewohner der deutschen Ostgebiete von einem Tag auf den anderen ihr Zuhause verlassen mussten, konnte auch die Familie meines Freundes nicht in ihrem Heimatland bleiben und fand sich plötzlich in einem neuen Staat wieder.

Der Mauerbau blieb auch in meiner neuen Familie im Schatten der Wiederaufräumarbeiten sowie der planwirtschaftlichen Soll-Erfüllungen zunächst relativ unbemerkt. Als die Auswirkungen der Politik jedoch auch im Alltag sichtbarer wurden, gab es keine Alternative mehr – das Leben bestand überwiegend aus landwirtschaftlicher Arbeit und dem Aufziehen der Kinder. Die Kinder, meine Schwiegereltern, versichern mir heute: „Etwas Besseres als die Wiedervereinigung hätte uns nicht passieren können!“ Auf weiteres Nachfragen zählen sie die bekannten Vorzüge der westdeutschen Lebensweise auf und beteuern, Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen würde es doch gar nicht mehr geben. Alle heute bestehenden Kontakte und Freundschaften zu Wessis seien ausnahmslos herzlich und – glücklicherweise – beiderseits vorurteilslos. Eine so klare und eindeutige Antwort hatte ich nicht erwartet. Als dann aber kurz darauf, in einem anderen Kontext, erwähnt wird, man müsse am nächsten Tag noch einige Ersatzteile für den Traktor besorgen, gewährt mir meine Schwiegermutter unwillkürlich einen Einblick in ihre weniger bewussten Gedanken zum vereinten Deutschland, erzählt sie doch ohne Absicht und auch ohne jegliche Ironie, man müsse zum Kauf der Ersatzteile „hinter die Grenze“ fahren. Und mir wird klar, wie eisern sich diese Teilung, entgegen jedem guten Willen, noch immer in vielen Köpfen hält.

Ich komme nun zu der Altersgruppe, deren Beziehung zur Wiedervereinigung am wenigsten zu fassen ist. Mein Freund, kurz vor dem Mauerfall geboren, wuchs in einer Zeit auf, in der einerseits Reise-, Meinungs- und Konsumfreiheit selbstverständlich waren, andererseits jedoch die Erziehungs- und Lehrberechtigten dieselben geblieben waren – sie waren alle schon vor dem Mauerfall in ihren Berufen tätig gewesen. So begrüßte die Lehrerin meines Freundes noch in den 1990er-Jahren ihre Klasse mit einer erhobenen, geballten Faust und einem lauten, strengen „Guten Morgen 7d!“. Und wer im Sportunterricht Bedenken hatte, ob er denn auch schon richtig schwimmen konnte, wurde kurzerhand ins Becken geworfen und mit einer Metallstange davon abgehalten, vorzeitig den Beckenrand zu erreichen. Erzieherische „DDR-Methoden“ wie diese gehörten auch noch lange Jahre nach der Wiedervereinigung zum pädagogischen Alltag mancher Lehrkräfte.

In Ostdeutschland stand in den Jahren nach der Wiedervereinigung eine ganze Generation heranwachsender junger Menschen vor einer sehr schwierigen Aufgabe. Es ging für sie darum, ein eigenes, neues Deutschlandbild für sich zu entwickeln – aus einem Berg tradierter Vorurteile, einem noch größeren Berg nicht aufgearbeiteter Geschichte und den immer vielfältiger werdenden eigenen Erfahrungen. Ich glaube, die Zeile eines Punk-Liedes, das wir gern zu Hause hören, gibt das Gefühl meines Freundes zu seinem Geburtsland am anschaulichsten wieder: „Ich such’ die DDR und keiner weiß, wo sie ist.“ Und so befinden sich wahrscheinlich viele junge Menschen noch immer, und vielleicht ein Leben lang, auf der Suche nach einem Land, das manchmal allgegenwärtig zu sein scheint und doch niemals mehr zu finden sein wird.

Und unser Sohn? Viele seiner Krabbelgruppengenossen können sich wie er der stetig wachsenden Bevölkerungsgruppe der „Wossis“ zurechnen. Neben Kindern aus Ost-West-Beziehungen besteht diese Generation auch aus Kindern, deren Eltern, in Westdeutschland geboren, heute in Ostdeutschland leben, und Kindern, deren Eltern Ostdeutschland verlassen haben, um heute in Westdeutschland zu leben. Mit ihnen wird die deutsche Teilung zur reinen Historie werden. Und ein Wissen darüber kann nur noch durch erzählfreudige Großeltern und darauf bedachte Lehrpläne weitergegeben werden.

Ich verlasse die Erinnerungen und komme zu einem zeitgenössischen Phänomen. Auf beiden Seiten der Mauer bzw. des grünen Bandes, gehegt und gepflegt, ab und zu bestätigt oder widerlegt, finden sich – Vorurteile. So wie heute Menschen aus anderen Ländern in Deutschland eine neue Heimat suchen, war die Bundesrepublik damals auf einen Schlag um 16 Millionen „Ausländer“ reicher. Und im Angesicht des „Fremden“ entwickeln sich bekanntlich Gefühle von Angst und Unbehagen. Zur Verhinderung von näherem Kontakt ist das ein oder andere Vorurteil dann sicherlich willkommener als derjenige, dem es zugeschrieben wird.

Leider stelle ich fest, dass sich manche Vorurteile meiner westdeutschen Mitbürger gegenüber Ostdeutschen noch immer wacker halten. Erzähle ich Bekannten aus Niedersachsen von der sächsischen Herkunft meines Freundes, so ist die am häufigsten gestellte erste hoffnungsvolle Frage, ob er denn auch Hochdeutsch könne. Ist dies denn die einzige Erwartung, die wir an neue Mitbürger stellen? Nein, freundlich sollen sie auch sein. Und in diesem Sinne erklärte mir mein Vater die Unfreundlichkeit seiner Nachbarin: Sie sei ostdeutscher Herkunft. Doch damit nicht genug. Verblüffender Weise schafft es manch einer, Überlegenheitsgefühle aus der Tatsache, dass er ein Coca-Cola- und nicht ein Vita-Cola-Trinker ist, zu entwickeln. Befreiend und wohltuend ist dagegen die unverkrampfte, selbstironische Resonanz der Ossis gegenüber den Vorurteilen, mit denen sie gerne bedacht werden. Als wir vor Kurzem in West-Berlin auf einen bezahlpflichtigen Parkplatz fuhren, erklärte uns der Parkwächter ausführlich, wie wir ein Parkticket zu ziehen hätten, um die Parkplatzschranke zu aktivieren. Nach einem herzlichen Dankeschön fügte mein Schwiegervater erklärend hinzu, er könne ja auch gar nicht wissen, wie das hier alles funktioniere, er komme schließlich aus der Deutschen Demokratischen Republik.

Doch auch die Ostdeutschen muss man nicht lange bitten und schon bekommt man einige Ressentiments gegenüber Wessis zu hören. So wussten die Nachbarn unserer früheren Berliner Wohnung detailliert von der Villa und den großen Autos unserer selbstbezogenen, westdeutschen Vermieter zu berichten. Und entspinnt sich eine Streiterei unter ostdeutschen Freunden und fühlt man sich dabei unfair behandelt, so wird dem Gegenüber auch schon mal eine eindeutige „Wessi-Art“ attestiert: rücksichtslos, prahlerisch und egoistisch. Im Alltag meiner kleinen deutsch-deutschen Familie ist unsere unterschiedliche Herkunft jedoch wenig sichtbar und stellt – wenn überhaupt – überwindbare Hürden dar. „Umlenken“ und „hinterkauen“ kann ich inzwischen sehr gut, und wenn ich vom Einkaufen „Fit“ oder „Filinchen“ mitbringen soll, so gelingt mir mittlerweile auch dies. Lediglich die berühmt-berüchtigten Zeitangaben stellen für mich auch heute noch eine gewisse kognitive Herausforderung dar. Nach einer Terminabsprache muss ich jedes Mal erneut „Viertel“ und „Dreiviertel“ in westdeutsche Zeitangaben umrechnen. Gravierendere Unterschiede als die genannten habe ich bisher nicht feststellen können. Und wenn doch mal wieder eine Verschiedenheit zutage kommt, freuen wir uns eher darüber, die eine oder andere regionale, ja auch identitätsstiftende Eigenheit an uns entdeckt zu haben. Als beim letzten Familientreffen festgestellt wurde, dass ich der einzige Wessi in der gesamten Familie bin, versicherte mir mein Schwiegervater herzlich und unverzüglich, er möge mich trotzdem. Welch ein Glück!

Stelle ich mir die Frage „Ist zusammengewachsen, was zusammengehört?“ und blicke dabei auf die personifizierte Deutsche Einheit, die mir gerade herzhaft in die Wade beißt, kann ich aus voller Überzeugung sagen: „Ganz gewiss!“ Die Beantwortung dieser Frage bleibt allerdings jeder Generation und jedem einzelnen Menschen überlassen. Ob sie am Ende immer mit Überzeugung bejaht wird, ist ungewiss. Zumindest unser Sohn wird sich nicht vorstellen können, dass eine Reise von ostdeutschen zu westdeutschen Großeltern einst mehr Aufwand bedeutet hat, als eine Fahrt im Kleinkindabteil der Deutschen Bahn heute. Auch von Abneigungen zwischen Ost- und Westdeutschen wird er nicht zu berichten wissen. Mit uns als seinen Eltern wird er mit der Selbstverständlichkeit aufwachsen, dass sich Ossis und Wessis verdammt gern haben. Sollte er sich eines Tages tatsächlich zu einem arroganten Arbeitslosen entwickeln, so werden wir lernen, damit zu leben, so wie auch unsere Eltern und Großeltern mit den Herausforderungen ihrer Zeit leben mussten. Um dieser Laufbahn als hochnäsigem Erwerbslosen jedoch rechtzeitig entgegenzuwirken, haben wir uns entschieden, ihn in ein öffentliches Bildungsprogramm zu geben: Ab Oktober geht er in die Kita.